Landkarte / Prozess / Schreiben

Schreiben Seite 2

Frage zur Form. — Sie wollen also ein Buch schreiben. In welcher Form soll es sein: Artikel, Aufsatz, Bild, Brief, Erzählung, Essay, Geschichte, Glosse, Novelle, Phantasie, Skizze, Studie oder Tagebuch?

Die allererste Schreibübung. — Das Bemühen aufgeben, gut schreiben zu wollen. Nicht die Qualität, sondern die Energie zählt. Die Bewertung der Qualität kommt später, nach dem Schreiben. Was wir niedergeschrieben sehen, ist lediglich die Spitze des Eisbergs an Gedanken, Ideen und Vorstellungen. Es gibt eine Freiheit des Schreibens, und sie ist unerschöpflich.

Kein Leugnen. — Der Autor kann es nicht leugnen: Er wird beim Schreiben in einem veränderlichen Maße von den Erfahrungen seines Lesens geleitet, die in sein Schaffen einfließen.

Eine Schreibvorschrift. — »Schreiben Sie an einem Buch?« fragt mich der Bauer. Den ganzen Morgen hat er das Klappern der Schreibmaschine gehört; jetzt bin ich heruntergekommen, um einen Kaffee mit ihnen zu trinken. Sie sind zu zweit: der eine schweigsam, mit ironischem Blick, der andere gesprächig, sentenziös, orakelnd. Ohne meine Antwort abzuwarten, macht mir der Gesprächige diese Vorschrift: »Bei einem Buch kommt es nur aufs Ende an. Das Ende muß schrecklich sein. Und es muß ein König darin vorkommen.«
— Leonardo Sciascia, Schwarz auf schwarz. München, 1991.

Zum Lobe. — Die Mönche des Mittelalters schrieben zum Lob Gottes, der moderne Mensch schreibt um seines eigenen Lobes willen.

Schreiben heißt: erklären, formulieren, illustrieren, hinführen, begründen, reflektieren, präzisieren, plaudern, unterhalten. Und das alles in einem einzigen Satz.

Satzbau ist Architektur. — Sagt Schopenhauer. Wir meinen nicht die barocken, hypotaktischen oder vierdimensionalen Konstruktionen. Wir meinen Sätze so elegant wie algebraische Formeln. Was sich in Wirklichkeit hinter einer Formel verbirgt, wird erst deutlich, wenn wir die Abkürzungen schrittweise auflösen. Erst die entkleidete Formel zeigt das wahre Gerüst des Denkenden.

Die Einsamkeit des Schreibenden. — Schreiben ist eine ziemlich einsame Sache. Stunden, Tage und Monate lang sitzen und denken und schreiben und verwerfen und erneut schreiben, und immer wieder und wieder.

Schreibübung. — Zeichnen Sie ein beliebig großes Tangram. Füllen Sie die Felder mit Text aus. So können Sie die Beziehungen zwischen Raum und Sprache, Gedanke und Aussage vielseitig ausloten.

Schreibtalent. — Das Talent manchen Autors reicht gerade dazu, zu erkennen, wieviel besser doch Tschechow schrieb.

Grundlage eines Romans. — Man schreibe einen geflochtenen Textteppich, der nach dem Muster »wer, wann, wer noch, mit wem, warum und wie, warum so und nicht anders« eine Geschichte erzählt.

Zur Beachtung. — Was der Autor dem Leser vorlegt, kann von diesem durch seine Interpretation fortgeschrieben werden. Die Rolle des aktiven Lesers ist signifikant.

Papier und Probleme. — Ich muß Papier, leeres Papier vor mir haben, beschriebenes Papier, Bücher um mich herum, aber ich bin kein Arbeiter mit Zettelkasten. Man muss sich in die Arbeit hineinbegeben, und dann bewegen sich die Probleme beim Schreiben. Dieses Probleme haben ist etwas Lebensgeschichtliches. Es stört das Leben, und dann ist man froh, wenn man eine Lösung hat und weiterschreiben kann.
— Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt am Main,1985.

 
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